Leserbrief auf einen Beitrag der website www.nachdenkseiten.de
mit dem Titel Über die Engstirnigkeit politischer Entscheidungen und ihre Popularität.
Ein Essay aus Anlass der Entscheidungen zu Corona.
Link.

Sehr geehrtes Team der NachDenkseiten, lieber Herr Müller

zunächst möchte ich mich bei Ihnen von Herzen bedanken, dass Sie die so ungemein wichtige politische Debattenkultur am Leben erhalten. Dies ist in den aktuell  dunklen Zeiten ja leider eine Ausnahme geworden.

Gestatten Sie, dass ich mich kurz vorstelle: Mein Name ist Dr.Sebastian Hinz, ich bin Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie und arbeite in einem regionalen Krankenhaus in Thüringen.

Ich bin in der DDR sozialisiert, stamme aus einem protestantischen Pfarrhaus, hatte Konfirmation, keine Jugendweihe, habe als Bausoldat die Waffe verweigert und bin als Kirchenmusiker und Krankenpfleger zum Ende der DDR noch zum Medizinstudium gekommen, was ich damals als Wunder empfunden habe.

Mein Vater, Christoph Hinz und der Vater von Frau Dr. Merkel, Herr Kasner, waren sogar direkte Kollegen und kannten sich.

Beide haben ein Pastoralkolleg in Gnadau und in Templin geleitet.

Die Medienberichterstattung der DDR – Medien, insbesondere Neues Deutschland, war hanebüchend, aber mein Vater hatte mich gelehrt, zwischen den Zeilen zu lesen und ich fühlte mich informiert, zumal wir ja auch ARD und ZDF und viele Westfreunde hatten.

Was ich aber jetzt, in den letzten 4 Wochen in Deutschland erfahren muss, sprengt alles  bisher Erlebte in neue Dimensionen.

Ich sehe in den mir so vertrauten und lieb gewordenen öffentlich rechtlichen Medien eine Hofberichtserstattung die zu einem Servicejournalismus der Regierung degeneriert ist, eine Opposition, die nicht mehr existiert und eine Diskreditierung und Vorverurteilung von kritischen Stimmen, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Gleichzeitig findet eine Zensur statt, durch Löschung von Webseiten (Wodarg) und Youtube-Videos, Verschweigen von Kritik ect….die der Mielke-Stasi in der DDR alle Ehre gemacht hätte.

Wer ordnet so etwas an?? Wovor haben diese Menschen, die das anordnen, nur Angst? 

Nun aber zu dem besagten Artikel vom 7.4.20:

Als Arzt habe ich immer einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt, dass heisst, ich widme mich nicht nur der Krankheit oder der Diagnose, sondern dem Menschen mit seiner Biographie und seinem Lebensumfeld, erst dadurch wird für mich oft die Krankheit und ihre Behandlung verstehbar und möglich.

Ich bin ein ausgeprochener Teamarbeiter, dass heisst, wenn ich nicht weiterkomme hole ich mir Kollegen dazu, gebe auch mal eine Untersuchung ab und frage Kollegen anderer Fachrichtungen, mit denen wir dann interdisziplinäre Konsile abhalten. Nur so kann aus meiner Sicht gute Medizin funktionieren.

Wir haben jetzt die Situation, dass wir aufgrund der Covid 19 Epidemie, in einem Lock-Down leben und unsere Bundesregierung (Frau Dr.Merkel und Herr Spahn insbesondere) ihre Entscheidungen von einem Virologen (Professor Drosten), abhängig machen. Dabei gibt es auch unter amtierenden Virologen durchaus differierende Meinungen (Professor Hendrik Streeck, Professor Carsten Scheller, Professor Ansgar Lohse – alle im Amt, um nur einige zu nennen).

Ich bezweifele ja nicht, dass wir in einer komplizierten Situation sind. Wo sind nun aber die anderen Fachrichtungen, die bei diesen existentiellen Fragen für 83 Millionen Menschen gehört werden müssen.

Was geht in den Köpfen der Entscheidungsträger der Politik, aber insbesondere auch in dem Kopf von Herrn Professor Drosten vor, der quasi als Regierungssprecher vorgeschickt wird, solche weitreichenden Entscheidungen zu treffen und nicht von unabhängigen Experten überprüfen zu lassen.

Aus meiner Sicht müssen dabei dringend Psychologen, Intensivmediziner, Patholgen aber auch Sozialwissenschaftler, Theologen und Rechtswissenschaftler zwingend gehört werden. Letztere melden sich zum Glück zunehmend zu Wort.

Was waren das für noch für Zeiten, als im deutschen Herbst 1977 die Bundesrepublik sich auch quasi im Ausnahmezustand befand, aber der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt sich sogar den Rat von Schriftstellern eingeholt hat. 

Wie weit entfernt ist unsere aktuelle Regierung von solch einem verantwortungsvollen Handeln.

Als Mediziner erlebe ich häufig Patienten, die aufgrund einer Depression und Panikstörung ernsthafte Erkrankungen erleiden. Es gibt zahlreiche Studien darüber, dass Depressionen und Panikstörungen mit einer erhöhten kardivaskulären Mortalität assoziiert sind. Dazu kommt die gesteigerte Suizidalität, die auch gerade in diesen Tagen zunehmend zu beobachten ist. Wer berücksichtigt dies.

Wie soll denn ein stabiles Immunsystem erworben werden, wenn die Menschen weggesperrt werden, und zum Teil nicht mal mehr an die frische Luft dürfen. Abstruser und gesundheitsfeindlicher geht es ja gar nicht mehr.

Wo fliessen diese Überlegungen in die Köpfe unserer Entscheidungsträger bzw. wie kann man dies so konsequent ignorieren….

Noch ein paar Gedanken zur Beatmungsmanie. Es wird ja letztlich als Hauptargument angeführt, dass wir die Intensivstationen schützen wollen vor einem Massenandrang an Beatmungspatienten. Wir werden geflutet von diesen Panikbildern.

Und ich bin sicher, bei einer Vielzahl dieser Menschen ist Coronapanik der Auslöser für die pulmonalen Dekompensationen.

Ich frage mich immer wieder, wer entscheidet denn, ob eine Beatmung sinnvoll ist oder nicht. Müssen wirklich alle mehrfach vorerkrankten älteren Menschen auf die Intensivstation und an die Maschinen gehängt werden oder wäre ein palliativer Ansatz mit Sauerstoff und einem Zimmer, wo die Familie dabei sein, kann, nicht oft hilfreicher.

Jetzt sperren wir diese älteren Menschen, die wir angeblich schützen wollen weg, und sie sterben an Gram und schrecklicher Verlassenheit. Warum gibt es keine Schleusen an den Pflegeheimen und Maskenfpflicht für alle Besucher, dafür aber Besuchsmöglichkeiten, die für unsere alten Angehörigen so essentiell sind.  – Es stehen ja nicht einmal im Krankenhaus ausreichend Masken zur Verfügung um das Personal und die Patienten ausreichend zu schützen. So viel zum Thema der Markt reguliert alles…..

Es ist so unfassbar. Ich bin mit vielen ärztlichen Kollegen  im Gespräch, die meine Meinung teilen und überlegen, wie wir gehört werden können. 

Zwei Beispiele aus meiner Familie:

Mein Vater ist in den 90-ger Jahren mit 63 Jahren, viel zu früh, an einer chronischen Lungenerkrankung verstorben. Mehrfach hatte er virale Exazerbationen erlitten, wie auch zum Schluss.

Er selbst hatte es früher oft gesagt aber auch uns als Familie war völlig klar, dass eine Intensivmedizinische Betreuung nicht in Frage kommt. So haben wir in Frieden als Familie in einem Krankenzimmer der Klinik von ihm Abschied nehmen können.

Ein Onkel von mir, auch aus dem Krieg eine chronische Lungenerkrankung mitbringend, hatte mir bei  zahlreichen, tiefgründigen  Gesprächen auch gesagt, er wolle noch 70 werden, dann sei er bereit zu sterben.

Wir haben seinen 70.Geburstag gebührend gefeiert. Dann hatte er sich von vielen verabschiedet und wollte in seiner eigenen, kleinen Wohnung in Frieden einschlafen. Ein Nachbar hatte dann doch den Rettungswagen geholt und mich informiert.

Auf der Notaufnahme der Universität Jena kam ich gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, dass er an die Beatmungsmaschine gehängt wird. Auch hier konnten seine  Kinder dann in Frieden Abschied nehmen.

In was für einer Zeit leben wir heute, dass wir dem Tod nicht mehr ins Gesicht schauen können? Das ist aber wohl schon eine philosophische Frage….

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Günter Anders:

„Was uns heute im Gegensatz zu Faust aufregen müsste, ist jedenfalls nicht, dass wir nicht allmächtig oder allwissend sind, sondern umgekehrt, dass wir im Vergleich zu dem, was wir wissen und herstellen können, uns zu wenig vorstellen und zu wenig fühlen können. Dass wir fühlend kleiner sind als wir selbst“.

Sehr geehrtes Team von NachDenkseiten, lieber Herr Müller, ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diesen Lesebrief veröffentlichen. Gerne dürfen Sie ihn auch weiterleiten.

Ich verbleibe mit sehr freundlichen Grüßen und Wünschen für ein gesegnetes Osterfest.

Dr. Sebastian Hinz

 97 total views

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu. Datenschutzerklärung